Internationale EBCA-Tagung in Brixen
Tourismus schafft Einkommen und Arbeitsplätze. Zugleich verschärft er in vielen stark besuchten Regionen Europas den Druck auf Wohnraum, Verkehr, Landschaft und Beschäftigte. Wie eng diese Entwicklungen zusammenhängen, zeigte das internationale Seminar der Europäischen Bewegung Christlicher Arbeitnehmer:innen EBCA vom 10. bis 12. September in Brixen.

Die Zahlen verdeutlichen die Dimension: Südtirol verzeichnete 2025 rund 38,2 Millionen Übernachtungen. Der Tourismus erwirtschaftet elf Prozent der direkten Wertschöpfung, unter Einbeziehung indirekter Effekte liegt sein Anteil bei rund 16 Prozent.
Zu Beginn des Seminars weitete EBCA-Präses Stefan B. Eirich den Blick von Südtirol auf Europa. Armin Erger von der Arbeiterkammer Tirol zeigte, wie stark der Arbeitsmarkt vom Wechsel zwischen Hoch- und Nebensaison geprägt ist. In Tirol schwankte die Zahl der Beschäftigten in Beherbergung und Gastronomie 2025 zwischen knapp 28.000 und mehr als 53.000.
Ralf Lüfter von der Freien Universität Bozen stellte die Frage, ob Zahlen und Prognosen allein zeigen können, was für einen Ort gut ist. Ein zukunftsfähiger Tourismus müsse offen darüber diskutieren, welche Entwicklung die Gesellschaft wolle.
Der Philosoph Markus Moling untersuchte die Bilder, mit denen touristische Regionen vermarktet werden. Idealisierte Landschaften blendeten häufig jene Menschen aus, die dort leben und arbeiten, ebenso die Folgen für Tiere und Ökosysteme. Für Markus Moling gehören deshalb faire Arbeitsbedingungen, leistbarer Wohnraum und die Beteiligung der Bevölkerung zu einer glaubwürdigen Tourismuspolitik.
Wie sehr das Thema Südtirol beschäftigt, zeigte die begleitende öffentliche Podiumsdiskussion am Donnerstagabend. Mehr als 150 Menschen kamen in die Cusanus-Akademie. Vertreter:innen aus Wirtschaft, Gewerkschaften, Politik und Zivilgesellschaft waren sich über die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus einig. Zugleich forderten sie bessere Arbeitsbedingungen, verbindliche Grenzen und eine stärkere Beteiligung der Bevölkerung. „Ein Tal ist nicht lebendig, weil seine Hotels voll sind“, sagte unter anderem Hotelier Michil Costa.
Am zweiten Tag besuchten die Teilnehmenden das AKI Family Resort PLOSE, den SGB/CISL und das Haus der Solidarität.
Erfahrungen aus Spanien und Österreich prägten den dritten Tag. Vania Sachenka Arana Ganoza von der Gewerkschaft Las Kellys berichtete über die ausgelagerte Zimmerreinigung in Barcelona. Arbeitnehmer:innen arbeiten dadurch häufig nicht mehr nach den Verträgen des Tourismussektors und verlieren Schutz und Mitsprache. Borja Suárez Sánchez von CCOO auf den Kanarischen Inseln sprach über chronische Überlastung und gesundheitliche Folgen. Nach 47 Jahren sei dort erstmals wieder im Gastgewerbe gestreikt worden. Dolores Valerón Cazorla brachte die Erfahrungen aus einer Hotelwäscherei auf Gran Canaria ein. Eva Eberhart von der österreichischen Gewerkschaft vida verwies besonders auf die Situation von Frauen und Arbeitnehmer:innen mit Migrationsgeschichte. Lange Arbeitstage, geteilte Dienste, unregelmäßige Ruhezeiten und die Abhängigkeit von Unterkünften der Betriebe erhöhten das Risiko von Ausbeutung.

In ihrer Abschlusserklärung fordert die EBCA existenzsichernde Löhne, faire Arbeitsbedingungen und eine verpflichtende Beteiligung der Bevölkerung an touristischen Planungen. Wohnraum dürfe dem Alltag der Menschen nicht weiter entzogen werden. Landschaft, Wasser und andere natürliche Ressourcen seien gemeinsame Lebensgrundlagen und keine unbegrenzt verfügbaren Waren. „Tourismus darf kein Selbstzweck sein, der Landschaften ausbeutet, Wohnraum zerstört und Arbeitnehmer:innen verheizt“, heißt es in der Erklärung. Hier lesen Sie die Abschlusserklärung.
Bei den Neuwahlen im Rahmen der Generalversammlung der EBCA am Samstag beendete Charly Brunner nach zehn Jahren seine Mitarbeit in der EBCA. Seit 2022 hatte er die europäische Bewegung gemeinsam mit Ana Luque aus Spanien als Co-Präsident geleitet. „Tourismus entsteht im Zusammenspiel von Unternehmer:innen, Arbeitnehmer:innen, Gästen und dem Lebensraum“, sagte er. Ein einfaches Weiter-so reiche nicht mehr aus.