Ist Zeit mehr wert als alles Gold der Erde?
Eine solche Aussage wäre natürlich übertrieben, aber die Bedeutung von „Zeit haben“ wird in unserer Gesellschaft immer wichtiger. Wenn wir über Wohlstand reden, sprechen wir längst nicht mehr nur über Besitz, finanzielle Absicherung oder körperlichen Komfort. „Zeit haben“ ist zu einem wesentlichen Faktor geworden, um sich wohl in seiner Haut zu fühlen.
Reden wir also über Zeitwohlstand und darüber, warum er für Gerechtigkeit in der Arbeitswelt zum Thema gemacht werden sollte. Diese fünf Dimensionen von Zeitwohlstand haben einen großen Einfluss auf unser Wohlbefinden.
Tempo ist die erste Dimension. In welchem Tempo müssen wir die Dinge erledigen, die wir erledigen müssen? Wie viel Zeit haben wir zur Verfügung, um eine Aufgabe zu bewältigen? Digitale Systeme bringen uns automatisch mehr und mehr Arbeitsaufträge. Der Chef oder die Chefin als Bindeglied ist nicht immer vorhanden. Wir wissen: Ein zu hohes Tempo schadet der Gesundheit und erzeugt Stress; ein Tempo im Einklang mit dem eigenen Körper hingegen ermöglicht Freude an der Arbeit. Wer bestimmt das Tempo deiner Arbeit? Gibt es die Möglichkeit, das Tempo den eigenen Fähigkeiten anzupassen, zum Beispiel wenn es darum geht, altersgerecht zu arbeiten?
Die Vereinbarkeit der eigenen Zeit mit anderen ist die zweite Dimension. Erlauben deine Arbeitszeiten ein soziales oder kulturelles Leben? Manche Menschen sind gezwungenermaßen lange von zu Hause weg – 24-Stunden-Pflegekräfte und Fernfahrer:innen zum Beispiel –, sind dann aber wiederum gezwungenermaßen lange zu Hause, wenn alle anderen zu tun haben. Es ist nicht leicht, Kontakte zu knüpfen oder Freundschaften zu pflegen, wenn sich keine gemeinsame Zeit finden lässt.
Planbarkeit ist die dritte Dimension. Stabile Erwartungshorizonte ermöglichen es, die Freizeit sinnvoll zu gestalten und verlässlich gemeinsame Zeiten mit anderen Menschen auszumachen. Nervig ist es, wenn Dienstpläne erst sehr spät fixiert werden. Das bedeutet, mit angezogener Handbremse zu leben. Ebenfalls ärgerlich ist es, aus Kollegialität immer wieder gezwungen zu werden einzuspringen, weil das Arbeitsumfeld unbeständig ist oder eine Kultur herrscht, in der Überstunden erwartet werden, sobald die Firma sie verlangt.
Selbstbestimmung ist die vierte Dimension. Kann ich meine Arbeitszeit so einteilen, wie sie mir passt, ohne dass ich mich mit jemandem abstimmen muss? Flexibilität klingt sehr verlockend und ist es auch, wenn sie in der Praxis nicht bedeutet, dass dein:e Vorgesetzte:r bestimmen kann, wann du zu arbeiten hast, während dir der Mut oder die Möglichkeit fehlt, dies zu verweigern. Zur Selbstbestimmung gehört auch die Möglichkeit, aus der Schichtarbeit auszusteigen oder das eigene Stundenkontingent zu ändern.
Die verfügbare Freizeit ist die letzte und wohl am häufigsten erwähnte Dimension. Trotzdem ist sie trügerisch. Wie viel freie Zeit hast du wirklich? Frauen leisten nach wie vor den Großteil der Sorge- und Fürsorgearbeit – unbezahlt und oft unsichtbar. Wie viel Zeit steht dir tatsächlich zur Verfügung, um aufzutanken und deinen Leidenschaften nachzugehen? Viele Menschen haben nicht die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, weil sie finanziell nicht über die Runden kommen oder weil die Firmenstruktur dies nicht erlaubt.

Zeitarmut, das Gegenteil von Zeitwohlstand, beeinträchtigt die Lebenszufriedenheit. Bewegung fehlt, ebenso die Zeit für Sport. Wenig Zeit führt zum Konsum von Fertiggerichten und Junkfood. Zeit für Arztbesuche und Genesung wird oft als Erstes geopfert. Langfristiger Stress führt zu Erschöpfung und Burn-out. Auch für die Umwelt ist eine langsamere Art zu leben häufig besser.
Die Kirche, die Gewerkschaften und alle Organisationen die sich seit über 25 Jahre in der Allianz für den freien Sonntag engagieren, ist der freie Sonntag wichtig, weil er wesentlich zur Zeitgerechtigkeit beiträgt. Einen Tag, an dem nicht die Arbeit, sondern Gemeinschaft und Muße im Mittelpunkt stehen, muss es geben. Zumindest einen Tag in der Woche, an dem das Tempo der Gesellschaft heruntergefahren wird, muss es geben; einen Tag, an dem sich nicht alles um Leistung und Schnelligkeit drehen muss. Und auch wenn bestimmte Branchen am Sonntag nicht zum Erliegen kommen können, ist klar: Die Menschen, die am Sonntag arbeiten, leisten etwas Besonderes. Sie verdienen besonderen Respekt, weil sie etwas Außergewöhnliches für die Gemeinschaft tun.
Der freie Sonntag allein kann keine Zeitgerechtigkeit schaffen. Er ist aber wichtig, weil er das Thema Zeitbewusstsein in der Gesellschaft verankert und den Unterschied zwischen Arbeit und Muße spürbar macht. Es braucht jedoch mehr: eine gerechte Aufteilung der Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern, die Regulierung von entgrenzter Arbeit, die Normalisierung von Teilzeitmodellen und ein Wohlstandsverständnis im Einklang mit dem ganzheitlichen Menschen – nicht mit dem auf Konsum- und Besitz fokussierten und reduzierten Wesen.
Ist Zeit mehr wert als alles Gold der Erde? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wir sehnen uns aber nach einer zeitgerechten Gesellschaft, nach einer zeitgerechten Menschwerdung.
