Zwangsarbeit in der Elektroniklieferkette
Der 176. Sozial-Stammtisch fand in Kooperation mit Südwind zu Ausbeutung und Zwangsarbeit in der Elektronik-Lieferkette statt.
Elektronische Geräte wie Smartphones oder Laptops sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, doch werden die dahinter liegenden Arbeitsbedingungen nur selten thematisiert. Insbesondere in den südostasiatischen Ländern Thailand, Malaysia und Indonesien ist die Elektronik-Branche ein Bereich mit vielen Arbeitsplätzen. Unter welchen Arbeitsbedingungen und trotz welcher Arbeitsrechtsverletzungen dort gearbeitet wird, haben die internationalen Gäst:innen aus dem Gewerkschafts- und Arbeitsrechtsbereich beim Sozial-Stammtisch zusammen mit Julia Weber von Südwind eindrücklich berichtet.

Divid Arulappen, Gewerkschafter in der Elektronikbranche in Malaysia, erzählte, dass Union Busting seinen Alltag darstellt. Sich gewerkschaftlich zu organisieren, wird enorm erschwert.
In Betrieben kommt es nicht zur erforderlichen absoluten Mehrheit – auch wenn sich fast alle Arbeitnehmer:innen einen Betriebsrat wünschen. Außerdem unterscheiden die in Europa oder den USA ansässigen Mutterkonzerne stark zwischen dem Hauptkonzern und den lokalen Produktionsstandorten. Malaiische Arbeitnehmer:innen werden daher systematisch ausgebeutet.
Aus Thailand berichtete Ussarin Kaewpradap Luthra, Arbeitsrechts-expertin von der Labour Rights Foundation, dass etwa die Hälfte der Arbeitnehmer:innen in der Elektronikbranche Migrant:innen aus Burma sind. Sie werden deutlich schlechter behandelt als thailändische Staatsbürger:innen. Dabei ist es ihnen gesetzlich verboten, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Dies entspricht dem internationalen Vergleich, laut dem Thailand den niedrigsten gewerkschaftlichen Organisationsgrad mit 1,5 % hat.
Diese Beispiele verdeutlichen die gängigen Arbeitsbedingungen in Thailand: Viele der burmesischen Arbeitnehmer:innen verkaufen ihre Lebensgrundlage in ihrem Heimatland, um von dort zu fliehen und ihre – häufig illegale – Einreise nach Thailand zu finanzieren. Dort arbeiten sie oftmals in einer Form von Schuldknechtschaft, den Agenturen nutzen ihre Situation aus: Die Burmes:innen müssen dafür bezahlen, dass sie einen Arbeitsplatz erhalten und die notwendigen Dokumente erstellt werden. Die von den Arbeitnehmer:innen getätigten Sozialabgaben werden unrechtmäßig von den Agenturen einbehalten, sodass in Folge keine medizinische Versorgung besteht. Auch behalten die Betriebe die Pässe ein. Zuletzt ist die gängige Praxis, dass die Arbeitnehmer:innen gezwungen werden, alle drei Monate ihren Vertrag zu kündigen, sodass sie erneut Agenturen bezahlen müssen, um eine Arbeitsstelle zu erhalten.
Yohannes Wasi Gede Puraka, Policy Experte von Inkrispena in Indonesien, dokumentiert Arbeitsrechtsverletzungen in Nickelschmelzen. Er berichtete von erzwungenen Überstunden, Strafzahlungen aufgrund von Krankenständen und fehlenden Pausen sowie freien Tagen. Neben diesen Formen von Zwangsarbeit, die mit einer hohen Überlastung und Erschöpfung einhergehen, kritisiert er den fehlenden Arbeitsschutz. Schutzausrüstung gegen die chemischen Dämpfe fehlt, verpflichtende medizinische Untersuchungen werden nicht durchgeführt und Sicherheitsanweisungen bestehen häufig nur auf Mandarin, der Sprache vieler Fabriksbesitzer:innen. Ebenso weist Yohannes Wasi Gede Puraka auf Diskriminierung aufgrund von Gender hin: Beispielsweise müssen Frauen eine höhere Gebühr zahlen, um eine Anstellung zu erhalten, oder sie werden von ihren Vorgesetzen sexuell belästigt. Eine Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie ist nicht möglich.
Zusammenfassend stellte Thanussha Francis Xavier, Projektkoordinatorin von IndustriALL in Malaysia, dar, dass Zwangsarbeit in Indonesien, Thailand und Indonesien an der Tagesordnung ist. Es sind Formen moderner Sklaverei: Die Rekrutierungspraktiken sind problematisch, der Arbeitsschutz grob fahrlässig, Diskriminierung aufgrund von Herkunft oder Gender verbreitet, die Notlage von migrantischen Personen wird gezielt ausgenutzt und gesetzliche Regelungen bestehen häufig nur auf dem Papier. Zudem ist gewerkschaftliche Arbeit in allen drei Ländern nur schwer möglich.
Der Sozial-Stammtisch hat unseren Blick auf die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in der Elektronik-Lieferkette geschärft. Zwangsarbeit steckt in fast allen Elektronikgeräten. Es liegt an uns, öffentliche Kampagnen und Petitionen zu unterstützen, einen gewerkschaftlichen Austausch zwischen Europa und Südostasien zu fördern und unser privates sowie betriebliches Umfeld für den Kauf von Elektronikgeräten zu sensibilisieren.
Fabiola Benninger, VÖGB
